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LKW-Fahrermangel in Europa spitzt sich zu

Die Entwicklungen zwischen Russland und der Ukraine sorgen weltweit für enorme Beunruhigung. Auch logistisch hat die dort vorzufindende Lage ganz weitreichende Auswirkungen. Viele Transportwege führen über Osteuropa. Und vor allem stammen auch viele LKW-Fahrer aus Osteuropa. Der eh schon europaweite Fahrermangel wird sich so weiter verstärken. Was die Situation für die Logistik in Deutschland bedeutet: 

Speditionen fällt es so schon immer schwerer, Menschen für den Job zu begeistern. Mit den Entwicklungen in der Ukraine verschärft sich die Situation auf dem europäischen Markt für LKW-Fahrer nun nochmal. In der Ukraine werden die Männer im wehrfähigen Alter einberufen – oder wollen in der derzeitigen Situation bei ihren Familien sein. So oder so sind sie damit für eine Tätigkeit als LKW-Fahrer erstmal nicht mehr verfügbar. Die EU verhängte außerdem Sanktionen gegen die diejenigen Belarussen, welche die russischen Aktivitäten unterstützen. Somit stehen den vielen osteuropäischen Transportflotten aktuell weit weniger Fahrer bereit. 

Deutschland ist von den Entwicklungen aus logistischer Sicht sicherlich besonders betroffen. Die Bedeutung ausländischer Firmen im deutschen LKW-Transportgeschäft nahm über die Jahre konstant zu. Vor allem seit der EU-Erweiterung 2004 haben Firmen aus Osteuropa ihre Marktanteile gesteigert. Das betrifft den Import von Waren nach Deutschland, den Export aus Deutschland heraus und auch die Kabotage-Transporte. Rund 42 Prozent der hierzulande durchgeführten Transportleistungen wurden letztes Jahr von ausländischen LKW erbracht. Gut die Hälfte davon durch polnische LKW, dies teilten der Europäische Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure AG (ELVIS) und der Mittelstandsverband (BVMW) mit. Laut einer BAG-Statistik machen polnische LKWs 17,5 Prozent der Fahrleistung in Deutschland aus. Deren Fahrer stammen häufig eben aus der Ukraine oder Belarus. Auch sind natürlich einige Firmen aus der Ukraine und Belarus hierzulande unterwegs. Insgesamt entfällt laut aktueller Mautstatistik jeder dritte Straßenkilometer, der von einem LKW auf deutschen Autobahnen oder mautpflichtigen Bundesstraßen zurückgelegt wurde, auf eine Spedition aus Osteuropa. 

Der LKW-Transport in Europa ist also, bekanntermaßen, längst nicht mehr nur das Geschäft von nationalen Fuhrunternehmen. Am Beispiel des Austritts von Großbritannien aus der EU war ja auch bereits gut zu sehen, wie stark der europäische Straßentransport von Firmen und Fahrern gerade aus Osteuropa abhängt. Dies könnte in den kommenden Wochen auch in Deutschland zu spüren sein. Sollten die LKW-Fahrer aus der Ukraine oder Belarus in ihren Firmen ausfallen, wird das logistische Auswirkungen in vielen europäischen Ländern haben.

Klaus Meyer, Vorsitzender im BVMW, warnt so auch: „Wir reden hier von geschätzt 100.000 ukrainischen Fahrern, die sich aktuell allein in Polen aufhalten und den Transportunternehmen schon bald nicht mehr zur Verfügung stehen könnten. Das käme einem Aderlass gleich, der sich kaum kompensieren ließe.“ „Aktuell fehlen allein in Deutschland zwischen 60.000 und 80.000 Berufskraftfahrer, mit deutlich steigender Tendenz. Durch fehlende Personal- und Fahrzeugreserven können die Transportabläufe relativ schnell aus dem Gleichgewicht geraten, so auch durch den Krieg in der Ukraine. Es erreichen uns erste Meldungen von Transportunternehmen, die ihre Kunden auf mögliche vereinzelte Lieferausfälle oder -verzögerungen hinweisen“, teilte auch der Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) seine Bedenken über die möglichen Folgeerscheinungen mit. 

Auch Professor Dr. Thomas Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL), meint: „Es wird wohl zu Engpässen kommen“, beruhigt jedoch zugleich: „Britische Verhältnisse oder tatsächliche Versorgungsengpässe sehen wir insbesondere im B-to-C-Business definitiv nicht auf uns zukommen. Natürlich fehlen die ukrainischen und weißrussischen Fahrer und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der physischen Logistik. Das betrifft die Bereiche Lagerung, Kommissionierung und Warenumschlag.“ Alle anderen osteuropäischen Fahrer seien ja aber überwiegend noch da. Insofern werde sich der Mangel an LKW-Fahrern nicht so dramatisch gestalten, dass dadurch die Versorgung gefährdet ist.

Genau darüber zeigt sich aber Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher und BGL-Verbandschef besorgt: „Angesichts des europaweit grassierenden LKW-Fahrermangels ist zum Beispiel ukrainisches oder belarussisches Fahrpersonal vor allem bei den in Westeuropa tätigen osteuropäischen Transportunternehmen kaum mehr wegzudenken“, und stellt sich bereits auf Notfälle ein: „Sollte es zu Notsituationen kommen, steht der BGL bereit, gemeinsam mit den zuständigen staatlichen Stellen koordinierend bei der Vermittlung und Priorisierung von Transporten aktiv zu werden, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern“, so Engelhardt

Auch den Einkäufern bereitet die Lage in Russland und Ukraine Sorgen. Die Stimmung unter den Mitgliedern des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) ist laut einer aktuellen Umfrage “dramatisch”. Demnach überdenken zahlreiche industrielle Einkäufer ihre derzeitigen Beschaffungsaktivitäten in dieser Region. Knapp die Hälfte aus 116 befragten Unternehmen aus den Branchen Automotive, Chemie, Bio, Pharma, Maschinenbau, Energie und Versorgung schätzen die gegenwärtige Situation als hochbrisant ein. Im Falle westlicher Sanktionen erwarten jeweils ca. 30 Prozent in der Beschränkung der Handelswege und dem Stopp der Ostsee-Pipeline „Nord Stream 2“ direkte Auswirkungen auf ihren Geschäftsbetrieb. Mehr als 90 Prozent erwarten klar steigende Einkaufspreise, die den Inflationsdruck weiter erhöhen. Mehr als 70 Prozent sehen deutliche Risiken in Bezug auf die Handelsrouten der Neuen Seidenstraße. Ein vollständiges Zerreißen der Lieferketten befürchtet gut ein Fünftel. Finanzmarkt-Beschränkungen werden als weniger gefährlich angesehen. „Jedoch könnten diese Sanktionen gravierende Auswirkungen auf alle Handelsströme haben und sollten deshalb nicht unterschätzt werden“, so die Hauptgeschäftsführerin des BME Helena Melnikov. Vor den aktuellen Hintergründen werden die Forderungen aus dem Transportgewerbe lauter: „Es gilt nun, im Schulterschluss mit der Industrie und den heimischen Logistikunternehmen die notwendigsten Lieferketten aufrechtzuerhalten“, sagt Thomas Hansche, Unternehmer und Sprecher des Bundesverbands Logistik & Verkehr (BLV-pro). Perspektivisch dürften diese im Laufe der Jahre entstandenen Abhängigkeiten demnach so nicht weiter zugelassen werden.

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