Pamyra

Massive Strukturverschiebung im Handel

im urbanen Raum hebt das Thema Radlogistik ab

Die Verbraucher in Deutschland gewöhnen sich scheinbar daran, Mode, Elektrogeräte und Haushaltswaren online zu kaufen. Der Handel wandelt zunehmend ins Internet ab. Das Kauferlebnis endet damit zumeist erst vor der Haustüre. Der Liefer-Stress auf der letzten Meile wird dadurch innerstädtisch nicht geringer. Sind Lastenräder die Zukunft der urbanen Liefer-Logistik? Lastenräder können wohl ein Drittel der urbanen Logistik stemmen – und auch CO2 sparen. Die Nachfrage nach Rad-Zustellung steigt jedenfalls.

Aktuelle Zahlen des Münchner ifo-Instituts belegen eine massive Strukturverschiebung weg vom stationären Handel und hin zum Onlinegeschäft. Der Handel wandert also zunehmend ins Internet ab. Wen wundert’s? Angesichts der Lage, der sich der Handel derzeit gegenüber sieht. Allen voran die Segmente Bekleidung und Haushaltswaren sind demzufolge betroffen, so die Auswertung des ifo-N26-Wirtschaftsmonitor. Die Forscher verglichen die Offline- und Online-Käufe 2020/2021 mit der Situation vor der Krise. Während der Öffnungen im Sommer 2020 war dieses Verhältnis von Offline- zu Online-Handel nahezu auf Vorkrisenniveau. Doch seitdem zog der Online-Handel fast stetig an und lag Anfang Dezember bei 250 Prozent des Vorkrisenniveaus bei Haushaltsgeräten, im Februar überdies bei 350 Prozent. Seit Anfang Dezember liegen die stationären Einkäufe der beiden Produktgruppen unter Vorjahresniveau mit Tiefpunkt im Januar 2021. „Spätestens seit letztem Sommer beobachten wir massive Strukturverschiebungen hin zum Onlinegeschäft – auch jenseits der Lockdowns“, so Oliver Falck, Leiter vom ifo-Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien, zu den Zahlen.

Durch den Boom im Online-Handel nehmen die Kleintransporteure eine wichtige Rolle ein. Sie versorgen die Bevölkerung mit Produkten jeglicher Art: Lebensmittel, Pharma, Bücher, Beauty-Artikel, Möbel, Elektronik sowie – Mode oder Haushaltsgeräte. Die Kleintransporteure unterstützen dabei v.a. große Versandhändler, Möbelhäuser, Bau- und Elektronikmärkte bei der Endkundenbelieferung. Das Leben wird ihnen jedoch nicht immer leicht gemacht. Dabei sind die Probleme in allen großen Städten mehr oder weniger gleich: Lieferwagen stehen im Weg und blockieren Zufahrten. Nicht zuletzt, weil ja auch Ladezonen häufig zugeparkt sind.

Der Bundesverband Paket- und Expresslogistik (BIEK) kritisiert so beispielsweise den neuen Bußgeldkatalog für Autofahrer, nach dem u.a. das Falschparken deutlich teurer werden soll. Der Verband fordert stattdessen bessere Haltemöglichkeiten für den Lieferverkehr. Marten Bosselmann, Vorsitzender des BIEK, erklärt: “Die Ankündigung von höheren Bußgeldern bei Verstößen gegen Halt- und Parkverbote ist […] so lange nur als Symbolpolitik zu bezeichnen, bis mehr sichere Haltemöglichkeiten für den Lieferverkehr geschaffen werden.” Bosselmann weiter: “Der Lieferverkehr findet nicht als grundloser Selbstzweck statt, sondern bedient eine starke Nachfrage. Paketdienstleistungen sind für Wirtschaft und private Empfänger unerlässlich. Daher ist die Lösung für den Lieferverkehr nicht die bloße Erhöhung der Bußgelder, sondern die von uns geforderte Einrichtung gewerblicher Ladezonen.” Der BIEK plädiert für ein neues Verkehrszeichen “Ladezone”, das gewerbliche Lade-Bereiche konkret kennzeichnen und dem Parken in zweiter Reihe entgegenwirken soll.

Viele Hoffnungen für urbane Fortbewegung ruhen auch auf Cargo-Bikes. Sind Lastenräder die Lösung? Die Nachfrage wächst jedenfalls – ebenso wie das Angebot. Zwar nehmen im privaten Bereich die meisten Menschen für die alltäglichen Kurzstrecken noch ihr Auto, doch immer mehr Leute schwenken auf die umweltfreundlichen Lastenräder um. Aktuell liegt der Marktanteil bei etwa vier Prozent, laut Zweirad-Industrie-Verband steigt das Interesse jedoch rasant. In 2020 wurden deutschlandweit mehr als 100.000 Stück verkauft. Doch nicht nur für Privatleute bieten Lastenräder großes Potenzial als urbanes Transportmittel, sondern auch für die Logistik. Kurierdienste und Briefpost-Zusteller machen es vor. Während KEP-Dienste, die mit großen Lieferfahrzeugen unterwegs sind, so ihre Probleme in engen Straßen haben.

Der seit 2018 bestehende Radlogistik Verband Deutschland e.V. hat nun im März erstmals die Situation der Branche systematisch erfasst und einen Branchenreport herausgebracht. Auch Corona-bedingt ist das Interesse an der Rad-Zustellung gewachsen, stellt der Verband mit Blick auf die Produktionszahlen fest: 2020 wurden ca. 10.100 Lastenräder und Anhänger für vorwiegend gewerbliche Nutzung produziert, auf dem europäischen Markt sollen 44.000 Lastenräder deutscher Hersteller verkauft worden sein. Rund drei Viertel der produzierten Lastenräder und Anhänger wurden von gewerblichen Kunden genutzt, 71 Prozent davon im KEP-Sektor. Für 2021 rechnen die Hersteller mit weiterem Zuwachs ihres Absatzvolumens.

Zwar ist der Markt noch recht klein – der gesamte Umsatz der Branche belief sich im letzten Jahr 2020 hierzulande auf ca. 76 Mio. Euro – doch die Zustellung per Lastenrad etabliert sich zunehmend. Zur Radlogistik zählen Anbieter, die Waren transportieren, Logistikdienstleister, Hersteller, Dienstleister und Händler sowie Forscher und Entwickler. Klar ist wohl auch, dass über kurz oder lang in den Innenstädten die Autos für die Mobilitätswende ersetzt werden. Das gelingt im logistischen Bereich wohl nur mit Lastenrädern. Dafür müssen die Städte teils umgestrickt werden. Die Lastenräder brauchen mehr Platz auf den Radwegen – und ebenso zum Parken. Adäquate Infrastruktur für solche Ansätze muss vorhanden sein. Schätzungen zufolge ließen sich jedoch bis zu 30 Prozent der Logistik im urbanen Raum mit Lastenrädern abwickeln – wodurch sich zudem auch die Emissionen nochmals deutlich reduzieren ließen.

In Bremen verleihen u.a. Stadtteilinitiativen, ADFC und örtliche Geschäftsleute Lastenräder oft kostenlos an Interessierten. Buchhändler hätten in der Corona-Krise so zum Beispiel ihre Bücher ausgeliefert, auch gibt es Handwerksbetriebe, die mit Lastenrädern unterwegs seien. Auch in Nordrhein-Westfalen beliefern lokale Händler ihre Kunden mit Cargo-Bikes. Städte wie Köln und Hamburg haben Fördergelder für die Anschaffung von Lastenrädern vergeben. Die Nachfrage war riesig. Und auch Berlin will den Erwerb gewerblicher Lastenräder fördern.

KEP-Dienste und Online-Händler setzen ja auch bereits verstärkt auf die Radlogistik. DPD, DHL, GLS Hermes und UPS haben Cargo-Bikes getestet bzw. ja auch bereits seit mehreren Jahren im Einsatz, um selbstgesteckte Ziele zur Reduktion von Emissionen zu erreichen. In Berlin wurde 2018 ein anbieterübergreifendes Mikrodepot getestet. DPD hatte basierend auf den Projekterfahrungen Anfang des Jahres dann ein eigenes Depot gestartet. Auch Zalando probiert derzeit diese Zustellvariante im Rahmen der eigenen Nachhaltigkeitsstrategie aus.

Es gibt ein großes Interesse an solchen Lösungen aus der Logistikwirtschaft. Es braucht aber auch den Willen der Politik, dafür notwendige Maßnahmen umzusetzen. Dazu zählen entsprechende Radwege, Kaufanreize für Gewerbekunden, gerechte Emissions-Bepreisung, Leasing-Modelle, Ansprechpartner für Unternehmen in Verwaltungen für Wirtschaftsverkehr und Logistik sowie die Schaffung weitere Mikro-Depots. Lastenfahrräder sind sicher nicht die alleinige Zukunft, möglicherweise aber ein wichtiger Beitrag für eine nachhaltigere Logistik.